FASTEN TROTZ SCHULE?

Wie können pädagogische Einrichtungen in Thüringen mit Ramadan umgehen?

Und was ist mit konzentriertem Unterricht?

Grundsätzlich sollten Fasten und die schulische Pflichterfüllung nicht miteinander konkurrieren. Die besondere Herausforderung des Fastens besteht unter anderem darin, es als eine zusätzliche Leistung zu erbringen, ohne sonstige Pflichten zu vernachlässigen.
Wenn Sie bei Ihren Schülern beobachten, dass ihnen der konzentrierte Unterricht sehr schwer fällt, sollten Sie das Gespräch mit ihnen suchen. Vielleicht können Sie einen Kompromiss finden, der Ihnen beiden entgegen kommt - vielleicht kann der Schüler nur an kurzen Schultagen oder am Wochenende fasten. Die Anwesenheit der Eltern kann bei solchen Gesprächen durchaus hilfreich sein. Entwickeln Sie einen gemeinsamen Fahrplan, die den Schüler möglichst nicht zwischen zwei entgegengesetzte Erwartungshaltungen bringt. Fragen Sie, wie der Schüler die Fastenzeit gestalten will. Sprechen Sie gemeinsam darüber, welche Auswirkungen die Anstrengung auf den Schüler selbst und ggf. auch seine Klasse hat. Am Ende entscheiden die Schüler jedoch selbst, ob/wie sie fasten wollen.

Kurz:

Und was ist mit der Mathe-Klassenarbeit?

Wie im Unterricht allgemein ist das religiöse Fasten auch für Leistungsüberprüfungen nicht per se eine Entschuldigung. Wenn die Fastenzeit in die Sommerzeit mit langen Tagen und großer Hitze fällt, wie auch dieses Jahr wieder, kann das Fasten körperlich besonders belastend werden. Dann sollten Ihre Schüler zwischen ihrer religiösen "Pflicht" und ihren schulischen Leistungen abwägen. Gerade bei Prüfungen oder Klassenarbeiten würde sich das anbieten. Religiös begründen ließe sich ein Aussetzen des Fastens durchaus - denn das Fasten soll den Gläubigen nicht schaden. Viele Muslime handhaben das auch ganz selbstverständlich so. Wie Kranke und Reisende können sie „versäumte“ Fastentage später nachholen.

Treten konkrete Einzelfälle auf, bei denen Ihnen Schüler offensichtlich schwach bzw. sogar "krank" erscheinen, können Sie diese von einer Leistungsüberprüfung ausschließen. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben. Muss der Schüler viele Klassenarbeiten bzw. andere Prüfungsleistungen nachschreiben, ist es auch in seinem Interesse das Fasten mit seinen schulischen Pflichten in Einklang zu bringen. Auch hier gilt: im Zweifelsfall das Gespräch mit Schüler und Eltern suchen.

Kurz:

  • Ein Verzicht auf Leistungsüberprüfung ist i.d.R. nicht mit Schul-/Lehrplänen vereinbar
  • bei offensichtlicher Schwächung kann ein Schüler im Einzelfall von der Leistungsüberprüfung ausgeschlossen werden

Und was ist mit Sportunterricht?

Die Teilnahme- und Anwesenheitspflicht besteht trotz Fasten auch im Sportunterricht. Gerade wenn der Fastenmonat in den Sommer fällt und kein Wasser getrunken werden kann, kann es zu Schwächeanfällen und Kreislaufproblemen kommen. Die Gesundheit der Schüler muss an erster Stelle stehen. So sollten fastende Schüler die Möglichkeit haben, bei körperlich sehr belastenden Unterrichtsteilen (kurz) auszusetzen.

Kurz:

  • keine Freistellung wegen Fasten
  • Kindeswohl geht vor
  • bei großen Anstrengungen: Möglichkeit (kurz) auszusetzen

Kleines Ramadan 1x1

Wer darf fasten und wer nicht?

Im Monat Ramadan sollen Gläubige, wenn sie gesundheitlich in der Lage dazu sind, von Morgendämmerung

bis Sonnenuntergang nicht essen und trinken.  Fasten sollen alle erwachsenen und gesunden Muslime. Ausgenommen von dieser Vorschrift sind jene, die an Altersschwäche leiden, Kranke, Reisende, schwangere und stillende Frauen sowie Frauen kurz nach der Geburt und während ihrer Monatsperiode. Außerdem soll das Fasten den Gläubigen nicht schaden.

Dürfen Kinder fasten?

Kita: NEIN

Grundschule: TEILWEISE JA

Regel- und weiterführende Schulen: JA

Wann Muslime als "erwachsen" gelten, unterscheidet sich. Kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede haben Einfluss auf die religiöse Praxis. In der Regel beginnt die religiöse Verantwortung mit der Pubertät, oft ist das ab dem 12. Lebensjahr oder bei Mädchen mit dem Einsetzen der ersten Periode.

Warum fasten Kinder trotzdem?

Oft fasten Kinder trotzdem mit ihrer Familie. Viele Eltern wollen ihre Kinder früh an die religiösen Gebote heranführen, einerseits damit sie die Pflichten lernen und sich daran gewöhnen, andererseits weil Religion für viele Zugewanderte in der neuen Heimat an Bedeutung gewinnt. Sie ist Teil ihrer Herkunftsidentität und kann auch in Deutschland praktiziert werden.

Oft wollen Kinder auch von sich aus fasten (auch wenn die Eltern dagegen sind). Grund kann sein, dass sie zeigen wollen, dass sie bereits alt genug sind und von Erwachsenen und Freunden respektiert werden wollen. Mit der Teilnahme am Fasten werden junge Muslime ähnlich wie bei christlicher Konfirmation und Kommunion oder der Jugendweihe in den Kreis der „Erwachsenen“ aufgenommen.

Warum fasten?

Ramadan gehört zu den 5 Säulen des muslimischen Glaubens, neben: Glaubensbekenntnis (schahada), rituellem Gebet (salat), Sozialabgaben an Bedürftige (zakat) und Pilgerfahrt nach Mekka (haddsch).

Im neunten Monat des islamischen Kalenders sollen Gläubige von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weder essen, trinken, rauchen noch Geschlechtsverkehr haben und sich überhaupt sehr bewusst um einen vorbildlichen Lebenswandel bemühen. Außerdem ist der Ramdan ein zentrales Gemeinschaftserlebnis - in der Familie. Das abendliche Fastenbrechen wird im Kreis der Familie begangen. Oft sind auch Gäste herzlich eingeladen. Gastfreundschaft und sozialer Zusammenhalt werden in dieser Zeit groß geschrieben. 

Es kommt leider auch vor, dass Ramadan unter muslimischen Jugendlichen zu einer „Leistungsschau“ instrumentalisiert wird. Dann werden z.B. nicht fastende Mitschüler kritisiert. Teilweise beklagen Lehrkräfte außerdem, dass fastende Schüler unkonzentriert, unaufmerksamund auch unausgeschlafen sind, weil sie die letzte Mahlzeit bereits vor der Morgendämmerung zu sich nehmen müssen.

Kinder und Jugendliche, die Ramadan halten, befinden sich oft gleichzeitig in einer Lebensphase des "Grenzentestens". Gerade in der Pubertät kommt es zu Spannungsverhältnissen, die dann wenig mit der Religion zu tun haben, sondern viel mehr mit der eigenen Identitätsfindung und Aushandlungsprozessen mit Erwachsenen (Eltern und Lehrern). Hier ist es wichtig, mit Kindern und Jugendlichen im Gespräch zu sein und ihnen nachvollziehbar ihre Grenzen aufzuzeigen. Im Idealfall ziehen Pädagogen mit Eltern an einem Strang, damit der Ramadan nicht für andere Zwecke instrumentalisiert wird.

Glossar:

Sahur: Mahlzeit vor Sonnenaufgang und somit vor dem Fastenbeginn des Tages

Fasten - Fit und Gesund: Kinder, Schwangere, Kranke und Alte fasten in der Regel nicht. Außerdem sollten während der Fastenzeit, also nach Sonnenuntergang, leichte Mahlzeiten gegessen werden

Iftar: Mahlzeit nach Sonnenuntergang, die während des Fastenmonats jeden Abend eingenommen wird

Tarawih: freiwilliges, zusätzliches Nachtgebet, das v.a. von Sunniten im Monat Ramadan täglich durchgeführt wird

Spenden: An Bedürftige zu spenden ist eine der fünf Säulen des Islams. Während des Ramadan stehen außerdem milde Gaben für einen guten Zweck und Großzügigkeit gegenüber Nachbarn im Mittelpunkt.

Ramadanfest: Das teilweise bis zu 3 Tage dauernde Fest markiert das Ende des Fastenmonats Ramadan und zählt neben dem Opferfest für viele Muslime zu den wichtigsten Feiertagen im Jahr

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