Kinderschutz braucht präventive Strukturen, klare Haltung und neue Wege

Kinderschutz beginnt mit einer offenen Kultur

Wie können Organisationen eine Kultur schaffen, in der Missstände angesprochen werden? Wie gelingt es, Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen und ihre Perspektiven stärker einzubeziehen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmenden des Kinderschutzfachtags 2026 in Erfurt.

Unter dem Titel „Verantwortung übernehmen! Aufarbeitung und Betroffenenbeteiligung nach Fällen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ kamen Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um interdisziplinär über wirksamen Kinderschutz, Aufarbeitung und Beteiligung zu diskutieren.

Vier Kolleginnen nehmen wichtige Impulse mit

Besonders eindrücklich war für unsere vier Kolleginnen Nathalie Scheer (Projektleitung Kinderschutz-App), Dr. Katrin Lipowski (Bereichsleitung Sozialpädagogisches Teamteaching), Annelie Wöhl (Regionalteamleitung Sozialpädagogisches Teamteaching) und Anja Müller (Pädagogische Fachkraft „LernWILLA“) die Auseinandersetzung mit sogenannten „Kulturen des Schweigens“. Im Mittelpunkt stand die Frage, warum Missstände in Organisationen häufig nicht angesprochen werden und welche Strukturen erforderlich sind, um Offenheit und Handlungssicherheit zu fördern. Das Thema wurde sowohl in Vorträgen als auch in Workshops intensiv beleuchtet.

„Es ist wichtig, dass Organisationen Strukturen schaffen, in denen es nicht zu einer Kultur des Schweigens kommt. Mitarbeitende sollten ermutigt werden, Missstände anzusprechen und auf ihr ungutes Bauchgefühl zu hören, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.“

Für die Kolleginnen wurde deutlich: Kinderschutz ist nicht nur eine Frage von Ansprechpersonen, Konzepten und Richtlinien. Entscheidend sind eine offene Kommunikationskultur und das Vertrauen, Beobachtungen und Sorgen ohne negative Folgen ansprechen zu können.

Qualifizierung als Schlüssel zum Schutz

Ein weiterer wichtiger Impuls betraf die Qualifizierung von Fachkräften. Obwohl Kinderschutz eine zentrale Aufgabe pädagogischer Arbeit ist, wird das Thema in vielen Ausbildungen und Studiengängen noch immer nicht ausreichend behandelt.

„Kinderschutz ist in pädagogischen Ausbildungen und Studiengängen noch nicht hinreichend verankert. Deshalb ist es umso wichtiger, das Thema in den eigenen Organisationen sichtbar zu machen und Mitarbeitenden Möglichkeiten zur Weiterbildung zu bieten.“

Wesentliche Bausteine sind kontinuierliche Fortbildungsangebote, regelmäßiger fachlicher Austausch und Schutzkonzepte, die im Alltag tatsächlich gelebt werden.

Kinderschutz-App für Thüringen: Beteiligung von Anfang an

Die Impulse des Fachtags zeigen, dass wirksamer Kinderschutz nicht allein von Schutzkonzepten lebt, sondern auch von Beteiligung und niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten. Dieser Ansatz findet sich im neuen ESF Plus-Projekt „Eine Kinderschutz-App für Thüringen“ wieder. Gemeinsam mit Nathalie Scheer arbeitet die Kindersprachbrücke an der Entwicklung einer thüringenweiten Kinderschutz-App, die Kindern und Jugendlichen einen einfachen Zugang zu Informationen, Beratung und Unterstützung ermöglichen soll.

Ziel ist es, Wissen über Kinderrechte und Kinderschutz zu vermitteln, passende Hilfsangebote sichtbar zu machen und junge Menschen darin zu stärken, in schwierigen Situationen selbst aktiv zu werden. Besonders bemerkenswert ist der partizipative Ansatz: Die App wird gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen entwickelt. In Workshops und Beteiligungsformaten bringen sie ihre Erfahrungen, Ideen und Perspektiven direkt in die Gestaltung ein. So entsteht ein Angebot, das sich an den tatsächlichen Bedürfnissen junger Menschen orientiert.

Darüber hinaus soll die Anwendung mehrsprachig, kultursensibel und möglichst barrierearm gestaltet werden. Sie macht Schutzräume sichtbar, ermöglicht Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützt Fachkräfte sowie Träger bei der Umsetzung von Schutzkonzepten.

Fazit

Die Eindrücke vom Kinderschutzfachtag 2026 zeigen einmal mehr, dass wirksamer Kinderschutz viele Bausteine braucht: eine offene Haltung, starke Schutzstrukturen, kontinuierliche Qualifizierung und die konsequente Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Mit der Entwicklung der Kinderschutz-App leistet die Kindersprachbrücke einen wichtigen Beitrag, um diese Ziele auch im digitalen Raum voranzubringen.

Das Projekt „Kinderschutz-App für Thüringen“ wird im Rahmen des Programms „Stärkung sozialer Dienste der Freien Wohlfahrtspflege mittels Digitalisierung“ (DigiWohl) durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie durch die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.