Multiprofessionelles Pilotprojekt: Neurodivergenz-angepasster Unterricht
Neurodivergenz-angepasster Unterricht für alle Schüler:innen
Wie kann Unterricht so gestaltet werden, dass wirklich alle Schüler:innen mitkommen? Dieser Frage widmet sich aktuell ein engagiertes multiprofessionelles Team an der Ostschule Gera – und startet dazu ein innovatives Pilotprojekt im Musikunterricht der 6. Klassen.
Der Projektstart: „Lasst uns etwas ausprobieren!“
Ausgangspunkt war eine gemeinsame Idee: Musiklehrer Herr Tischer, Schulsozialarbeiterin Frau Prousa und Teamteacherin Frau Herrmann wollten Unterricht neu denken – stärker orientiert an den Bedürfnissen von neurodivergenten Schüler:innen (also Menschen, deren Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen von der gesellschaftlichen „Norm“ abweichen, z. B. bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)).
In den Ferien traf sich das Dreierteam, sammelte Ideen und entwickelte ein Konzept, das auch von den Prinzipien des Universal Design for Learning (UDL) inspiriert ist. Ziel ist es, Barrieren im Lernen abzubauen und allen Schüler:innen bessere Zugänge zu ermöglichen.
Denn eines ist ihnen besonders wichtig: Was neurodivergenten Schüler:innen hilft, kann allen Kids zugutekommen.
Konkrete Maßnahmen im Unterricht
Die ersten Schritte der Umsetzung sind bereits erfolgt – mit viel Kreativität und Engagement:
- Fidget Toys für alle:
Selbst gestaltete Fidget Toys (kleine Gegenstände, die durch Drücken, Klicken oder Rollen eine unauffällige Bewegung ermöglichen und so helfen können, Stress abzubauen und die Konzentration zu fördern) wurden an den Tischen befestigt. Erste Erfahrungen zeigen: Sie werden gezielt und sinnvoll genutzt. - Strukturierter und visueller Unterricht:
Inhalte werden klarer gegliedert und verstärkt visuell unterstützt, um Orientierung und Verständlichkeit zu erhöhen. - Mehr Bewegung und Rituale:
Regelmäßige Abläufe geben Sicherheit, während Bewegungselemente zur besseren Regulation beitragen. - Ostschul-Skill-Box:
Eine speziell zusammengestellte Materialbox steht den Schüler:innen zur Verfügung. Darin enthalten sind u.a.:- Anti-Stress-Bälle
- Magnete
- Schallschutzkopfhörer
- selbstgehäkelte Fidget Toys mit Murmeln
- klickbare Elemente wie Haarspangen
Diese Materialien können individuell genutzt werden, um Überforderung vorzubeugen und die eigene Konzentration zu unterstützen.
Pilotprojekt mit wissenschaftlichem Blick
Das Projekt wird systematisch begleitet und ausgewertet:
- Startbefragung:
Bereits zu Beginn werden die Schüler:innen mithilfe eines Fragebogens nach ihrem Erleben im Unterricht befragt. - Umstellung des Unterrichts:
In der darauffolgenden Woche wurde das neu konzipierte Unterrichtsmodell umgesetzt. - Abschlussbefragung zum Schuljahresende:
Eine erneute Befragung soll zeigen, ob sich das Wohlbefinden, die Konzentration und die Lernbedingungen verbessert haben.
Die Ergebnisse werden anschließend im Kollegium vorgestellt – mit dem Ziel, das Konzept weiterzuentwickeln und möglichst breit im Schulalltag zu verankern.
Mehr Verständnis durch Psychoedukation
Ein weiterer wichtiger Baustein ist eine Unterrichtseinheit zur Psychoedukation über ADHS (darunter versteht man die altersgerechte Vermittlung von Wissen über Wahrnehmung, Verhalten und individuelle Unterschiede, um Verständnis für sich selbst und andere zu fördern).
Hier lernen die Schüler:innen:
- was Neurodivergenz bedeutet,
- wie unterschiedliche Wahrnehmungen und Bedürfnisse entstehen,
- und wie sie im Klassenverband verständnisvoll miteinander umgehen können.
Dies stärkt nicht nur die Klassengemeinschaft, sondern trägt auch zu mehr Akzeptanz und gegenseitiger Unterstützung bei
Multiprofessionelle Zusammenarbeit als Schlüssel
Ein zentrales Element des Projekts ist die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen:
Lehrkraft, Schulsozialarbeit und Teamteaching arbeiten Hand in Hand.
Diese Perspektivenvielfalt ermöglicht:
- passgenauere Unterstützungsangebote für die Schüler:innen
- kontinuierliche Reflexion und Anpassung
- nachhaltige Entwicklung neuer Unterrichtskonzepte
Ein Blick in die Zukunft
Schon jetzt stößt das Projekt auf großes Interesse im Kollegium – erste Lehrkräfte haben sich inspirieren lassen und planen eigene Umsetzungen.
Die Vision des Teams ist klar: Mehr Chancengleichheit für alle Schüler:innen – insbesondere in Bezug auf Konzentration, Anforderungen und den Umgang mit Überlastung.
Spätestens im kommenden Schuljahr sollen die gewonnenen Erkenntnisse und erprobten Methoden weiterverbreitet werden.
Weiterführende Materialien
Zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Thema empfiehlt das Team u.a.:
- den Praxis-Guide „Wenn Schule schwierig wird. Für Eltern von Kindern mit ADHS und Autismus“
- die Webseite von Saskia Niechziel Ein Kopf voll Gold oder per Instagram linien.kariert
- auch Anke Galsmeyer informiert als Die Psychotherepeutin mit ADHS auf ihrem gleichnamigen Instagram-Kanal super anschaulich und verständlich
Fazit
Das Pilotprojekt an der Ostschule Gera zeigt eindrucksvoll, wie innovativer Unterricht entstehen kann: durch Offenheit, Zusammenarbeit und den Mut, neue Wege zu gehen.
Oder wie es im Team selbst hieß: „Lasst uns etwas ausprobieren!“ – ein Ansatz, der Schule nachhaltig verändern kann.
Das Landesprogramm "Sozialpädagogisches Teamteaching" wird gefördert durch den Freistaat Thüringen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus.







